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Blog mit Bewusstseinsstörung?

Ich werde aus dem 361 Grad Blog der Unternehmensberatung AT Kearney nicht schlau. Das liegt vielleicht an mir. Ich möchte einfach gern wissen, woran ich bin. Ich möchte gern wissen, wer & was dahinter steht, wenn ich etwas lese. Im Netz nicht immer einfach, aber bei einem Firmenblog sollte das machbar sein. Nun findet man auf der Startseite die Selbstauskunft: „Warum kümmert sich eine Unternehmensberatung um das Thema Familie? Weil ohne einen stabilen gesellschaftlichen Kern Zusammenhalt und Wohlstand bedroht sind. Bislang übernahm die Kleinfamilie diese Rolle. Doch neue Formen des Zusammenlebens entstehen. A.T. Kearney leistet deshalb einen Beitrag zur Neu-Erfindung der Familie.“

Das mit der Familie als stabilem Kern, der unbedingt erhalten werden muss, kennen wir auch aus anderen Mündern, wobei immer nur Vater-Mutter-Kind gemeint ist. Aber AT Kearney schreibt eben auch von einer Neuerfindung & neuen Formen des Zusammenlebens.

Klingt erstmal nicht schlecht

Ich bin seit einiger Zeit unregelmäßige Leserin & folge auf Twitter. Die Wahl der Themen war interessant, es dreht sich um Rollenbilder, die Vereinbarkeitsdiskussion, neue Strukturen in der Arbeitswelt. Viele Autoren schreiben für den Blog. Man berichtete von der ZEIT-Konferenz Frauen in Führungspositionen, portraitiert familienfreundliche Unternehmen und lobt auch einen eigenen Award für diese aus.

Und dann gibt es da noch die AT Kearney eigene Studie zu Familien- und insbesondere Väterfreundlichkeit, die zum Beispiel auch Edition F aufgegriffen hat.

Mir fiel auch auf, dass sich „der Blog“ bei manchen Themen eigene Tendenzen leistet. Für die Frauenquote sind sie nicht & es wird auch gern auf Artikel in sonstigen Medien verlinkt, die die anstrengenden Tage von Kleinkindern in Kitas besprechen.

Das ist alles sehr kompliziert…

Aber zunehmend verwirrt es mich. Familienzeit ergänzt Führungskompetenzen & Männer sollten diese mehr einfordern, Führung in Teilzeit ist möglich… Aber immer wieder in diversen Beiträgen „die Geburtenrate zu tief“, „Frauen mit Kinderwunsch dürfen nicht benachteiligt werden“, die „Familie muss wieder ins Zentrum“. Schön zusammengefasst in einem Beitrag des  Managing Director Central Europe bei A.T. Kearney.

Mhm, Familie im Zentrum klappt irgendwie nicht so einfach, wenn man nicht ein paar Abstriche bei der Vereinbarkeit für Frauen macht, hatte ich langsam den Eindruck. Nur ein paar kleine natürlich, die sollen sich halt um die Kinder kümmern. Birgit Kelle schreibt im Blog, es gibt einen Beitrag zum angeblichen Kita-Dogma. Der Kita-Dogma Autor legte Anfang September nochmal nach mit Kinder gehören in den ersten Jahren nur zur Mutter, weil die Bindung von Natur aus enger sei (und die Väter kommen dann später). Der ist inzwischen von der Seite verschwunden.

Aber heute gab es nochmal einen Kracher. Der läuft auf der Startseite unter der Überschrift Das Modell Familie scheitert. Nach einer kruden Einleitung kommt das WIESO? Weil die Frauen zuviel abtreiben, weil Ethik nichts mehr zählt! (Wer sich nicht für Kinder entscheidet ist schuld!)

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Weil Bindungen allerorten zerstört werden (Der Schund im Fernsehen ist schuld!).

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Da die Ehe der heilige Gral ist, haben die Alleinerziehenden natürlich auch irgendwie schuld – am gesellschaftlichen Zerfall und Unglück ihrer Kinder (Weil sie eine Ehe verlassen haben, vermute ich.).

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Zum Abschluss dann die düstere Zukunftsprognose & ein Appell – frei übersetzt: Denkt über eure schlechten Lebensentscheidungen nach ihr Sünder. Kann man ja wohl erwarten, dass ihr hier mal ordentlich Kinder kriegt wie vorgesehen.

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Wie ich auf Twitter schrieb, ist das eine klassische Pro-Life Argumentation. Und wem sich der Gedanke aufdrängt, dass hier mit der Kritik eigentlich nur Frauen gemeint sind. Den hatte ich auch.

Wie kommt so etwas auf den Blog und noch wichtiger mit welcher Intention? (Die Frage habe ich über Twitter und im Kommentarbereich ebenfalls gestellt.)

Diese Art der Neu-Erfindung der Famillie (siehe obige Selbstauskunft) finde ich gruselig.

Meine Diagnose

Im besten Fall hat der Blog einfach eine Bewusstseinsstörung und entscheidet sich vielleicht bald für eine Position (Gleichberechtigung in Familie & Job oder Frauen an den Herd, um die gesellschaftliche Keimzelle zu erhalten).

Im schlimmsten Fall steckt man hier in einem ganz fiesen konservativen Dilemma. Das ist alles eben sehr kompliziert. So komplett rückständig will man nicht sein. Aber diese blöde Vereinbarkeitsdiskussion ist eben nicht zu trennen von einem Nachdenken über Rollenbilder & Geschlechterungerechtigkeit. Und da läuft man dann ständig Argumenten in die Arme, die zu den eigenen nicht so richtig passen wollen.

Ich wünsche mir übrigens Ersteres. Dann weiß ich hoffentlich auch bald, was dahinter steht und kann wieder lesen.

Foto: marekuliasz/Shutterstock

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2 Kommentare

  1. Ich finde es schon sehr aussagekräftig, wenn jemand wie Birgit „Mach doch die Bluse zu“ Kelle für ein Blog schreibt. Aus welcher Ecke die kommt und welche Positionen sie vertritt, weiß man ja. Neigt zum Beispiel dazu, eine völlig etablierte und privilegierte Lebensform (Hetero-Ehe mit Kindern) als chronisch bedroht hinzustellen. Schreibt auch gern für kath . net und die Junge Freiheit.

    Was die Kombi mit einer Unternehmensberatung soll, erschließt sich mir nicht wirklich. Vielleicht ist es für sie ein Sprungbrett für mehr Öffentlichkeit und die Möglichkeit, den Anschein von weiblicher Emanzipation zu wahren. Was dabei für AT Kearney herausspringt? Muss ich noch drüber nachdenken.

    • Den Hintergrund kenne ich auch nicht. Aber überrascht hat es mich in dieser Deutlichkeit schon. Es kam übrigens eine Antwort vom Autor auf dem Blog, die ich nicht vorenthalten will. Kann sich jeder gern „erklicken“.

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